Peter Bofinger stellt vier Phasen der Weltwirtschaft vor

Der Ökonom und Wirtschaftsweise Peter Bofinger unterscheidet in der Wirtschaftsgeschichte der letzten sechzig Jahre vier große Phase der Weltwirtschaft und ihrer Geschäftsmodelle. Die erste Phase umfasst für ihn die ersten Jahrzehnte der Nachkriegszeit. Er charakterisiert diesen von größeren Wirtschaftskrisen weitgehend verschonten Zeitraum durch ein Motto von Ludwig Erhard: „Wohlstand für alle.“ Phase zwei erstreckt sich laut Peter Bofinger von den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts bis zum Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2007. Er ergänzt: „Sie ist geprägt von einer zunehmenden Ungleichheit der Einkommensverhältnisse auf der einen Seite und einer wachsenden privaten Verschuldung auf der anderen Seite. Ihr Leitmotiv lautet „Finance for all“.“ Peter Bofinger ist seit 1992 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg. Seit März 2004 ist der Ökonom als sogenannter „Wirtschaftsweiser“ Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

Die privaten und öffentlichen Haushalte haben ihre Verschuldungsgrenze erreicht

Laut Peter Bofinger stößt die private Verschuldung in der krisengeschüttelten dritten Phase der Weltwirtschaft der Jahre 2008 bis 2011 an ihre Grenzen. Der dadurch ausgelöste Einbruch der Nachfrage konnte rasch gestoppt werden, weil die Finanzpolitik auf der ganzen Welt dazu bereit gewesen ist, die Konjunktur durch die Aufnahme hohe Staatsschulden am Laufen zu halten. In der Gegenwart findet Phase vier statt, die sich dadurch kennzeichnen lässt, dass weder die privaten noch die öffentlichen Haushalte die Konjunktur ankurbeln können, da beide die Verschuldungsgrenze erreicht haben.

Viele Staaten weisen heute nach wie vor sehr hohe Defizite beim Budget aus. Darin zeigt sich für Peter Bofinger, welche chronischen Schäden durch die zunehmende Ungleichheit und das dazu notwendige Wachstumsmodell einer von privater Verschuldung getriebenen Weltwirtschaft entstanden sind. Peter Bofinger fügt hinzu: „Und es wird deutlich, wie problematisch es ist, wenn sich jetzt auch die Staaten von ihrer Funktion als Konjunkturlokomotive verabschieden.“

„Wohlstand für alle“ kann eine lange Phase der Stagnation der Weltwirtschaft verhindern

Peter Bofinger vertritt die These, dass man dies besonders deutlich im Euro-Raum erkennen kann. Hier waren die Haushaltsdefizite nie so hoch wie in den USA, weil die Politik die Verabschiedung von der Staatsfinanzierung schon vergleichsweise früh eingeleitet hat. Dementsprechend unterschiedlich entwickelt sich die Wirtschaft in den beiden Währungsräumen. Währen der Euro-Raum in eine Rezession bei hoher Arbeitslosigkeit abgerutscht ist, wächst die amerikanische Wirtschaft mit einer Rate von zwei Prozent, bei einer langsam abnehmenden Arbeitslosigkeit.

Der Wirtschaftsweise ist fest davon überzeugt, dass die Weltwirtschaft ohne eine gerechtere Einkommensverteilung auf Dauer nicht ohne Einbrüche wachsen kann. Peter Bofinger erklärt: „Der Kaufkraftverlust, der daraus resultiert, dass große Teile der im Produktionsprozess erzielten Einkommen bei reichen Haushalten landen, kann nicht länger durch private oder öffentliche Verschuldung kompensiert werden.“ Peter Bofinger fordert eine Rückkehr zu Ludwig Erhards Konzept des Wohlstands für alle. Nur so kann der Weltwirtschaft eine lange Phase der Stagnation erspart bleiben.

Von Hans Klumbies

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