Peter Bofinger erkennt in der Euro-Krise keinen Sonderfall

Peter Bofinger vertritt die These, dass sich die fundamentalen Probleme des Euro-Raums im Kern nicht wesentlich von denen der Vereinigten Staaten von Amerika unterscheiden. Nach einer Epoche exzessiver privater Verschuldung konnte das System seiner Meinung nach nur mit einer hohen öffentlichen Kreditaufnahme stabilisiert werden. Peter Bofinger schreibt: „Der teils von den Märkten, teils von der Politik erzwungene Versuch der Mitgliedsstaaten des Euro-Raums, ihre Defizite drastisch zu reduzieren, musste in die Rezession führen, da die Privatsektoren noch zu schwach waren, um ihrerseits wieder als Konjunkturlokomotive zu agieren.“ Peter Bofinger ist seit 1992 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg. Seit März 2004 ist der Ökonom als sogenannter „Wirtschaftsweiser“ Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

Deutschland hat sich zu einer sehr offenen Volkswirtschaft entwickelt

Für Peter Bofinger steht fest, dass der spezifische institutionelle Rahmen der Währungsunion dazu geführt hat, dass dieselbe Krankheit gleich mehrere Organe einzelner Volkswirtschaften der Europäischen Union befallen hat. In dieser dramatischen Krise sind zudem die Möglichkeiten der Krisenbekämpfer weitaus eingeschränkter als in Amerika. In diesem düsteren Bild kristallisiert sich allein Deutschland als erfreuliche Ausnahme heraus. Abgesehen vom Jahr 2009 ist es der bundesdeutschen Volkswirtschaft gelungen, ohne eine größere private und öffentliche Verschuldung durch die Euro-Krise zu kommen.

Diese positive Entwicklung dürfte laut Peter Bofinger teilweise darauf zurückzuführen sein, dass Deutschland sich mittlerweile zu einer sehr offenen Volkswirtschaft entwickelt hat. Peter Bofinger erklärt: „Die Relation der Exporte zum Bruttosozialprodukt ist mit 51 Prozent heute mehr als doppelt so hoch wie zu Beginn der neunziger Jahre. Dabei konnte Deutschland mit seiner Produktpalette in besonderer Weise vom durch private Verschuldung getriebenen Boom in China und der durch hohe Staatsdefizite geförderten stabilen Konjunkturentwicklung in den Vereinigten Staaten profitieren.“

Der Euro hat gegenber dem US-Dollar und dem Renminbi an Wert verloren

Die anhaltend hohen Überschüsse in der Leistungsbilanz der deutschen Wirtschaft gegenüber dem Euro-Raum machen deutlich, dass die Wirtschaftsdynamik in Deutschland nach wie vor nicht zuletzt von der hierzulande so kritisch beurteilten Bereitschaft zur Verschuldung anderer Länder gestützt wird. Peter Bofinger ergänzt: „Und natürlich hat Deutschland auch in besonderer Weise von der Euro-Krise profitiert. Seit Ende 2009 hat der Euro rund 15 Prozent gegenüber dem US-Dollar und rund 25 Prozent gegenüber dem Yen und dem Renminbi an Wert verloren.“

Diese Entwicklung hat die ohnehin schon gute Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie auf den besonders dynamischen Märkten der Schwellenländer noch einmal zusätzlich verbessert. Außerdem profitierte der deutsche Staat wie auch die Unternehmen von ungewöhnlich niedrigen Zinssätzen. Peter Bofinger fügt hinzu: „Und die ebenfalls krisenbedingte Angst vor der Inflation hat – zusammen mit der geringen Rendite fest verzinslicher Anleihen – der Bauwirtschaft kräftige Impulse verliehen.“

Von Hans Klumbies

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