Hans-Werner Sinn erinnert an die Einführung des Euro

Mit dem Euro verfolgten die Gründungsväter der europäischen Währungsunion nicht nur wirtschaftliche Ziele. Altbundeskanzler Helmut Kohl begründete die Geburt des Euro gegenüber dem Deutschen Bundestag zum Beispiel am 23. April 1998 unter anderem damit, dass der Euro die Europäische Union als Garanten für Frieden und Freiheit stärke. Zudem war sich der CDU-Politiker ganz sicher, dass diejenigen, die heute Nein zum Euro sagen, schon in wenigen Jahren leugnen würden, jemals eine solche Meinung vertreten zu haben. Laut Hans-Werner Sinn hat der Euro diese Erwartungen leider nicht erfüllt, da die ökonomische Not der Krisenländer und die Angst der Kapitalmärkte an den Nerven aller Beteiligten zehren und beginnen, die Eintracht im Euroraum zu zerstören. Hans-Werner Sinn ist seit 1984 Ordinarius in der volkswirtschaftlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München. Im Jahr 1999 wurde er Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung in München und Leiter des CESifo-Forscher-Netzwerks, weltweit eines der größten seiner Art.

Die Schuldenkrise hat zu starken Spannungen zwischen den Völkern Europas geführt

Hans-Werner Sinn behauptet, dass mit jedem Krisengipfel der Streit unter den beteiligten Ländern größer wird, da sich einige durch die Turbulenzen an die Wand gedrückt sehen, insbesondere die großen Länder Spanien und Italien, die anfangs die Hoffnung hegten, relativ ungeschoren durch die Schuldenkrise zu kommen. Hans-Werner Sinn fügt hinzu: „Andere fürchten riesige Abschreibungsverluste auf die von den Krisenländern ausgegebenen Vermögenstitel und versuchen, das ihnen drohende finanzielle Fiasko durch eine Vergemeinschaftung der Lasten zu vermeiden.“

Helmut Kohl und andere Führer Europas ließen sich laut Hans-Werner Sinn vom Primat der Politik über das ökonomische Gesetz lenken, vom Vorrang dessen, was sie verstanden. Die wirtschaftlichen Zusammenhänge durchschauten sie seiner Meinung nach nur wenig und nahmen sie nur widerwillig zur Kenntnis. Hans-Werner Sinn sieht die Konsequenzen heute in der katastrophalen Krise, die in der Peripherie Europas wütet. Er ergänzt: „Die Krise hat zu Spannungen zwischen den Völkern Europas geführt, wie man sie in der Nachkriegszeit sonst noch nicht gekannt hat.“

Der Groll auf die angeblich zahlungsunwilligen Deutschen nimmt spürbar zu

Eine große Gefahr für Deutschland sieht Hans-Werner Sinn darin, dass es wie schon häufig in seiner Geschichte, in die Isolierung zu geraten droht. Es kann sich seiner Meinung nur daraus befreien, wenn es weiter zahlt. Zumindest muss es die Haftung für immer mehr Kreditrisiken der Krisenländer übernehmen, um die Investoren vor Verlusten auf die Altkredite zu schützen und die Zufuhr von neuen Krediten in diese Länder zu sichern. Denn Investoren aus Amerika und der ganzen Welt haben ihr Geld an Griechenland, Spanien und die übrigen Krisenländer nur verliehen, weil sie in der Eurozone sind.

Wenn die Krisenländer das Geld nicht zurückzahlen können, muss im Zweifel Deutschland einspringen, so die einhellige Meinung der Investoren. Dieses Denken beherrscht laut Hans-Werner Sinn das Denken vieler Menschen in aller Welt und entlädt sich in einem immer deutlicher vernehmbaren Groll über die angeblich zahlungsunwilligen Deutschen. Niemals war die Wut auf die Deutschen seiner Meinung nach größer als heute und niemals wurde ein deutscher Kanzler/in einem ähnlichen Kesseltreiben ausgesetzt wie Angela Merkel in den Wochen vor dem EU-Gipfel Ende Juni 2012.

Von Hans Klumbies

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