Narzissten sind für die Wirtschaft von überragender Bedeutung

Der Psychiater Borwin Bandelow hat sich mit der Psyche von Popstars auseinandergesetzt und ist dabei zu dem Ergebnis gekommen, dass Narzissmus eine wichtige Voraussetzung für Ruhm ist. Das gilt aber nicht nur für die Stars der Musikszene, da es unter allen berühmten Menschen narzisstische Persönlichkeiten gibt. Borwin Bandelow sagt: „Narzissten haben diese unerschöpfliche Energie, diesen Willen, etwas zu leisten, ob im Popgeschäft oder in der Wirtschaft.“ Seiner Ansicht nach sind erfolgreiche Unternehmensführer in den meisten Fällen narzisstisch veranlagt und auf der ständigen Jagd nach Endorphinen, den sogenannten Glückshormonen. Dabei kommt es allerdings auch auf Ausdauer an, da in der Wirtschaft der sofortige Erfolg relativ selten eintritt. In der Regel müssen die Topmanager lange arbeiten, um Millionen zu verdienen und zu Ruhm zu gelangen. Borwin Bandelow leitet die Göttinger Uni-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Außerdem ist er Deutschlands wichtigster Angstforscher. Er analysierte in seinem Buch „Celebrities“ die Lebensläufe von Musiklegenden wie Michael Jackson und Elvis Presley.

Der Applaus war Steve Jobs wesentlich wichtiger als das Geld 

Persönlichkeiten, die sich in der Realwirtschaft durchgesetzt haben, zählt Borwin Bandelow eher zu den Zwanghafen, die zwar süchtig nach Ruhm, aber ebenso nach Ordnung, sind. Der Psychiater ergänzt: „Solche Leute denken an alles, und sie können gut mit Geld umgehen. Wie die Apple-Legende Steve Jobs.“ Er hatte die Phantasie und die Energie, intensiver über Neuerungen in IT-Welt nachzudenken als andere. Seine Mitarbeiter mussten allerdings häufig unter seinem Hang zum Perfektionismus und seinen Wutanfällen leiden.

Steve Jobs ist für Borwin Bandelow dennoch ein Narzisst im positivem Sinne, die für die Wirtschaft von überlebensnotwendiger Bedeutung sind. Steve Jobs wurde zwar nicht als Narzisst geboren, aber seine Persönlichkeit ist schon im Alter von sechzehn Jahren ausgereift, also lange vor der Berufswahl. Borwin Bandelow sagt: „Wer mit sechzehn kein Narzisst ist, wird auch später keiner.“ Für Steve Jobs stand bei seiner Karriere nicht das Geld an erster Stelle, sondern der Applaus war ihm eindeutig wichtiger. Das ist bei fast allen Menschen so.

Alle Menschen sind kleine Narzissten

Applaus und Macht sind laut Borwin Bandelow primäre Belohnungsmerkmale, wobei der Applaus das Kokain für die Seele ist, während Geld nur eine sekundäre Bedeutung genießt. Da Teile des menschlichen Gehirns noch immer in der Steinzeit angesiedelt sind, kennt das Belohnungssystem nur ein Ziel, die Erlangung der Macht oder Sex, was oft das Gleiche ist. Deshalb haben Mächtige auch mehr Beziehungen und Affären, weil sie nach dem Lustprinzip arbeiten und sich dabei die Schönsten und Jüngsten aussuchen können.

Narzissten neigen dazu, sich irgendwann zu überschätzen. Borwin Bandelow nennt einen der Gründe für dieses Verhalten: „Das liegt auch daran, dass Narzissten aus ihrer Natur heraus bedingungslos bewundert werden wollen und sich deshalb mit Ja-Sagern umgeben.“ Auch Altkanzler Gerhard Schröder mochte keine kritischen Artikel über sich selbst lesen. Das ist normal, da jeder Mensch ungern schlechtes über sich selbst liest. Laut Borwin Bandelow sind alle Menschen kleine Narzissten.

Von Hans Klumbies