Tony Judt beschreibt die Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg

Die beiden Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg waren ökonomisch, nicht politisch oder ideologisch für Tony Judt eine unglaublich optimistische Epoche. Dieses Selbstbewusstsein war in zweierlei Form zu beobachten. Erstens vertraten Neoklassische Ökonomen und ihre Anhänger die Ansicht, dass der Kapitalismus blühe und auch weiterhin wächst und sich unablässig erneuern werde. Zweitens gab es die nicht minder an der Zukunft orientierte Meinung, dass der Kapitalismus, ob prosperierend oder nicht, unter der Last der eigenen Probleme zusammenbrechen werde. Tony Judt erklärt: „Von ganz unterschiedlichen Punkten ausgehend, waren beide sozusagen vorwärtsgerichtete, überaus selbstgewisse Analysen.“ Der britische Historiker Tony Judt, geboren 1948, studierte in Cambridge und Paris und lehrte in Cambridge, Oxford und Berkeley. Seit 1995 war er Erich-Maria-Remarque-Professor für Europäische Studien in New York. Er starb 2010 in New York.

Die westlichen Volkswirtschaften erleben nach 1914 einen sechzig Jahre dauernden Niedergang

Die beiden Jahrzehnte, die auf die Rezession im späten 19. Jahrhundert folgten, waren für Tony Judt das erste Zeitalter der Globalisierung, denn die Weltwirtschaft wuchs damals tatsächlich so zusammen, wie es der Ökonom John Maynard Keynes beschrieben hatte. Eben aus diesem Grund ist das Ausmaß des Zusammenbruchs nach dem Ersten Weltkrieg ebenso schwer zu verstehen wie die Dramatik der Weltwirtschaftskrise. Reisepässe wurden eingeführt, der Goldstandard wieder eingesetzt, Währungen brachen zusammen, der Handel ging zurück.

Tony Judt erläutert: „Nach Jahrzehnten von Kontraktion und Protektionismus waren selbst die führenden Wirtschaftsnationen Westeuropas erst um die Mitte der 1970er Jahre wieder dort, wo sie 1914 gewesen waren.“ Die westlichen Volkswirtschaften, außer den USA, erlebten einen Niedergang, der etwa sechzig Jahre dauerte, geprägt von zwei Weltkriegen und einer beispielslosen Wirtschaftskrise. Als John Maynard Keynes sein Buch „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, der Zinsen und des Geldes“ schrieb, beschäftigte ihn das Verhältnis von Stabilität und Krise. Das Werk erschien im Jahr 1936.

Interventionen waren für John Maynard Keynes die Basis für ökonomisches Wohlergehen

Im Gegensatz zu den klassischen Wirtschaftstheoretikern und ihrer neoklassischen Erben war John Maynard Keynes davon überzeugt, dass wirtschaftliche Ungewissheit, einschließlich der sozialen und politischen Unsicherheit, als Regel und nicht als Ausnahme betrachtet werden sollte. Tony Judt erklärt: „Kurzum: Er formulierte eine Theorie von der Welt, die er gerade erlebt hatte. Stabilität war für ihn keineswegs die Normalität vollkommener Märkte, sondern ein unvorhersehbares Nebenprodukt unregulierten wirtschaftlichen Handelns.“

Interventionen, in der einen oder anderen Form, waren für John Maynard Keynes die Vorrausetzung für ökonomisches Wohlergehen und, gelegentlich, für den Fortbestand der Märkte. Die Konsequenz war laut Tony Judt im Grunde eine englische Version einer Aussage des weltberühmten Schriftstellers Stefan Zweig: „Wir dachten, alles sei stabil, und nun wissen wir, dass alles in Bewegung ist.“ Er hatte damit eine Feststellung getroffen, die für das ganze 20. Jahrhundert prägend werden sollte.

Von Hans Klumbies

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