Der deutschen Wirtschaft fehlt es an Innovationen und Kreativität

Es gibt ein deutsches Sprichwort: „Ohne Fleiß kein Preis.“ Fleiß ist laut Michael Schindhelm eine spezifisch deutsche Tugend. Es ist seiner Meinung nach deshalb auch nicht verwunderlich, dass die Deutschen von ihren europäischen Nachbarn als notorisch tüchtig beurteilt werden. Deutsche Wertarbeit wird auf den internationalen Märkten hoch geschätzt. Der Lohn für deutschen Fleiß ist ein Spitzenrang unter den Exportnationen. Michael Schindhelm fügt hinzu: „Vor allem die Autohersteller und die industrielle Spitzentechnologie haben den Deutschen den Ruf gesichert, die Ingenieure Europas zu sein.“ Auch im Inland schließt man sich dieser Meinung an wie der Slogan von Audi „Vorsprung durch Technik“ beweist. Michael Schindhelm arbeitet als Schriftsteller, Filmemacher und Kulturberater für internationale Organisationen. Er leitet am Strelka Institute in Moskau den Forschungsbereich öffentlicher Raum.

Innovation ist das Zauberwort der globalen Wirtschaftsrhetorik

Ingenieurtechnischer Fleiß und der Reichtum an Ideen garantieren der deutschen Wirtschaft eine Spitzenposition auf den Weltmärkten. Dennoch gibt es Grund zur Skepsis. Michael Schindhelm erläutert: „Qualitätsware aus Deutschland ist teuer, und die europäische Krise bremst die Nachfrage; zwei Drittel deutscher Exportprodukte wurden bislang im EU-Raum gekauft.“ Außerdem geht die Nachfrage in den Schwellenländern zurück, die durch ihr Interesse an deutscher Spitzentechnologie, für immer neue Rekordzahlen beim Export sorgten.

Fleiß allein genügt laut Michael Schindhelm nicht, die einmal erworbene Spitzenstellung zu behaupten. Immer wichtiger wird seiner Meinung nach die kulturelle Fähigkeit, einmal erworbene Standards zu verbessern. Michael Schildhelm erklärt: „Die Innovation ist das Zauberwort der globalen Wirtschaftsrhetorik geworden.“ Deutschland inszeniert sich zum Beispiel dank einer Initiative der Bundesregierung seit einiger Zeit als „Land der Ideen“. Es stellt sich dann allerdings die Frage, warum Deutschland auf einer Liste der Länder mit dem höchsten Grad an Innovationen nur den fünfzehnten Rang einnimmt.

Die Industriegesellschaft verwandelt sich in eine Informationsgesellschaft

Michael Schindhelm weist darauf hin, dass die Rolle der Kreativitätswirtschaft in Großbritannien etwa ein Jahrzehnt früher erkannt worden ist als in Deutschland. Die Stadt London hat in den vergangenen zehn Jahren rund sechsmal mehr Projekte direkter Investitionen aus dem Ausland in diesem Bereich angezogen als die so genannte Metropole der Kreativen, die Stadt Berlin. Michael Schindhelm kritisiert: „Zu vielen Leistung der vergangenen Jahrzehnte, die die globale Gesellschaft und damit auch die Lebensstandards in Deutschland verändert haben, von der Entschlüsselung des Genoms bis zur Entwicklung des Internets oder Wikipedia, haben Deutsche wenig beigetragen.“

Der Vorsprung, den die deutsche Wirtschaft und damit Deutschland insgesamt noch haben, wird laut Michael Schindhelm auf lange Sicht nicht zu halten sein, wenn die Technik, auf der er beruht, vor allem aus industriellem Ingenieurwesen hervorgeht. Michael Schindhelm erläutert: „Erfolgreiche Innovationen der letzten Jahre wie Apple, Google oder Facebook machen deutlich, dass sich der Begriff der Technik insgesamt dramatisch verändert hat. Der Übergang von der Industrie- zur Informationsgesellschaft wird offensichtlich.“

Von Hans Klumbies

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